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Maria Pospichal:
Reise nach Sibirien

Flug: Wien - Moskau

Transsibirische Eisenbahn: Moskau - Novosibirsk - Krasnojarsk - Irkutsk

Rückflug: Irkutsk - Moskau - Wien

 

29. Juli bis 12. August 2004

29. Juli 2004, im Zug nach der Abfahrt in Moskau
23.25 Uhr Moskauer Zeit

Mit 3 Minuten Verspätung setzt sich der Zug in Bewegung. Im Abteil ist es fürchterlich schwül; wir hoffen, dass die an der Decke sichtbaren Öffnungen eine Klimaanlage sind.

Nun aber der Reihe nach:
Treffpunkt war um 9.45 Uhr in Schwechat. Wir lernten unsere Reisegefährten kennen: Larissa, die Reiseleiterin, Martina, Astrid, Ulli und Mato.

30. Juli 2004, im Zug

Gestern konnte ich nicht mehr weiter schreiben, da wir unser Abteil "häuslich" einrichten mussten. Die Öffnungen an der Decke sind zum Glück eine Klimaanlage.

Es ist jetzt 11.00 Uhr, der Zug hielt für 2 Minuten. Am Bahnsteig boten Frauen und Männer Heidelbeeren, Weichseln und Himbeeren (vom kleinen Becher bis zum 10-Liter-Kübel) an. Die meisten trugen die vollen Kübel wieder enttäuscht weg.

Nun zum gestrigen Tag:
Abflug um 11.45 Uhr. Beim Einsteigen ins Flugzeug wurde ich auf eine mir bekannte Stimme aufmerksam. Es war Konrad Bruckner, ein Schulkollege aus der HAK, der auch nach Moskau flog. Er fliegt heute mit einer Gruppe weiter nach Kamtschatka.
Ankunft in Moskau um 16.30 Uhr Ortszeit (Zeitunterschied 2 Stunden zu Wien). Bei der Landung war ein ziemlich heftiges Gewitter, das wir durchquerten. Es blitzte, schüttete und war finster. Ebenso finster ist auch der Moskauer Flughafen Scheremetjevo. An der Decke der Ankunftshalle befinden sich dunkelbraune Röhren - an Andenken an die Architektur der Sowjetzeit.
Sofort fielen uns die riesigen Menschenmassen und die langen Schlangen vor der Passkontrolle auf. Trotz der langen Wartezeiten herrschte aber keine Hektik.
Am Flughafen empfing uns ein Fahrer mit einem Kleinbus, der uns ins Zentrum von Moskau brachte. Anfangs schüttete es und wir steckten in einem riesigen Stau.

Soeben war 20 Minuten Aufenthalt in Kirov. Das Wetter ist bewölkt bei 19 Grad. Am Bahnsteig werden Spielsachen, Getränke, etc. verkauft. Der nächste Halt ist in ca. 3 Stunden in einem kleinen Ort. Außerhalb der Städte gibt es unzählige Schrebergärten mit Gemüseanbau (bes. Erdäpfel) und gleich danach wieder Birken, Wald, Birken, .....

In Balezino (1154 km von Moskau entfernt) kauften wir am Bahnsteig Himbeeren und zwei Golatschen (was genau, weiß ich noch nicht). Besonders ältere Frauen bieten alles Mögliche an: Zwiebel, Knoblauch, getrocknete Fische, Gurken, Würste, Paradeiser, Salat, Beeren, Aufstriche, gebratene Hühner mit Erdäpfeln in Plastik verpackt, ....

Es ist nun 20.40 Uhr, der Zug steht in Perm. Am Bahnsteig herrscht wieder reges Treiben, vor allem betteln Zigeunerinnen und deren Kinder. Mit 40 Minuten Verspätung setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Jetzt fahren wir ca. 400 km in einem durch.

31. Juli 2004, im Zug

In der Nacht von Freitag auf Samstag schliefen wir besser als in der ersten Nacht.

Noch zum gestrigen Tag:
Zum Frühstück gingen wir in den Speisewagen (ab 9.00 Uhr geöffnet) und konsumierten ein Omelett, Brot, Butter und Nescafé. Der Speisewagen befindet sich in der Mitte des Zuges, der eine Länge von insgesamt 600 m hat. Der Zug besteht aus je acht Waggons vor und hinter dem Speisewagen. Die junge Frau, die uns im Speisewagen bedient, ist leicht überfordert. Ständig vergisst sie irgend etwas. Ihre Kolleginnen sitzen und schreiben Listen bzw. rechnen mit einem Taschenrechner irgend welche Zahlenkolonnen zusammen. Die "Speisekarte" ist ein Blatt Papier, das aus einem Heft herausgerissen wurde und auf dem einige kaum lesbare Wörter stehen. Aber "jam" und "butter" können wir entziffern.
Am Nachmittag probierten wir russische Kost: Borschtsch und Pelmeni (Teigtaschen, gefüllt mit Fleisch und in suppenähnlicher Flüssigkeit schwimmend).
Jeder Waggon hat zwei Schaffnerinnen, die abwechselnd Tag und Nacht Dienst versehen. Zu ihren Aufgaben gehört ua. das Staubsaugen in den Abteilen und am Gang (um 12.00 Uhr und um 19.00 Uhr), das Putzen der Klos, das Entleeren der Mistkübel, das Zusperren der Klos vor den Stationen (oft schon eine halbe Stunde vorher), das Abwischen der Haltestangen vor dem Aussteigen, usw. Und natürlich auch das Austeilen der Bettwäsche an die neu Zugestiegenen. Eine Garnitur besteht aus zwei Leintüchern, einem Kopfpolsterüberzug und einem nicht saugenden Handtuch. Die Schaffnerin kassiert dafür 49 Rubel pro Person und gibt als Quittung eine handgeschriebene Rechnung.
Es ist nun 13.00 Uhr, wir fahren auf einer geraden Strecke in Richtung Omsk, daher kann ich wieder einigermaßen gut schreiben. Omsk ist bereits 2700 km von Moskau entfernt.

Nun noch zurück zu Moskau:
Wir haben zwar nicht sehr viel in der kurzen Zeit gesehen, aber der erste Eindruck war gewaltig. Wir fuhren mit dem Bus vom Flughafen bis zur Tverskaja ulica im Zentrum. Zunächst gingen wir zum Abendessen in ein mongolisches Restaurant, das Larissa bereits kannte. Man füllt sich eine Schüssel mit rohen Zutaten, die man essen möchte (div. Sorten Fleisch, Leber, Fisch, alle Arten von Gemüse, Gewürze, Saucen), diese werden dann auf einem riesigen Grill vor den Augen der Hungrigen gebraten. Wenn es fertig ist, wird die Portion wieder in die Schüssel gefüllt und das Essen kann beginnen - es schmeckte übrigens ganz ausgezeichnet. Es gibt noch verschiedene Beilagen, wie Brot, Teigfladen, Reis. Ich habe Reis genommen: mit geraspelten Karotten und Kümmel zubereitet, was sehr gut schmeckte.
Nach dem Essen machten wir nur einen kurzen Spaziergang dort in der Umgebung und anschließend fuhren wir zum Bahnhof Jaroslawl, dem Ausgangspunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Auf dem Weg zum Bahnhof fuhren wir am Kreml und einigen imposanten Gebäuden vorbei. Der erste Eindruck war jedenfalls gewaltig. Moskau scheint wirklich ganz anders zu sein als alle Hauptstädte, die wir schon gesehen haben. Wir freuen uns jedenfalls schon darauf, den letzten Tag der Reise auch noch in Moskau verbringen zu können.
Wir hatten noch genügend Zeit, uns in einem Supermarkt mit Getränken, Obst, etc. einzudecken und die Atmosphäre des Bahnhofs zu genießen. Es gibt riesige Wartesäle mit Sitzreihen, ähnlich wie in einem Kino, und auch im Freien gibt es viele Reihen mit Sesseln für Wartende. Hier scheint es wirklich niemand eilig zu haben. Viele Menschen, Junge und Alte, sitzen, oft jede Menge Gepäck neben sich, und warten .... Zeit scheint hier keine Rolle zu spielen.
Ungefähr eine Stunde vor der Abfahrt des Zuges machten wir uns auf den Weg, unsere Abteile im Zug zu suchen. Nach Kontrolle der Fahrkarten und Reisepässe durch die Schaffnerin durften wir einsteigen. Jedes Abteil hat vier Betten, es gibt aber auch 1.-Klasse-Abteile mit zwei Betten.
Larissa, Martina, Ulli und Astrid belegten das Abteil Nr. 5, wir beide sind mit Mato im Abteil Nr.  untergebracht. Um 23.28 Uhr, mit nur drei Minuten Verspätung, setzte sich der Zug langsam in Bewegung.
Soeben hält der Zug in Omsk. Es ist 14.00 Uhr Moskauer Zeit (Ortszeit ist bereits 3 Stunden später). Pepi stieg aus, um uns mit Abendessen einzudecken. Er kam mit Brot (Schwarzbrot, fast so wie zu Hause), Extrawurst (!) und Joghurt zurück. Nicht gerade mein Geschmack. Käse gab es leider keinen.

1. August 2004
23.00 Uhr, im Hotel "Sibir" in Novosibirsk

Nach 3303 km Zugsfahrt erreichten wir um 21.48 Uhr (Moskauer Zeit) bzw. 0.48 Uhr Ortszeit die Hauptstadt Sibiriens, Novosibirsk.
Jeder von uns war eigentlich schon froh, den Zug zu verlassen. Ein Kleinbus brachte uns ins Hotel "Sibir", das nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt ist. Wir haben Zimmer 1231 im 12. Stock. Müde von der langen Zugsfahrt und  nach einer ausgiebigen Dusche  fielen wir um 1.30 Uhr ins Bett.
Vom Hotelzimmer haben wir eine Aussicht in Richtung Ob. Der Ob hat eine Länge von 3860 km!
Heute morgen nach dem Frühstück (Buffet mit sehr großer Auswahl) machten wir uns sogleich auf den Weg in die Stadt. Da Sonntag ist, war die Stadt ziemlich menschenleer. An Sehenswürdigkeiten gibt es kaum etwas, da die Stadt erst ca. 110 Jahre alt ist.
Wir besichtigten die orthodoxe Alexander-Nevski-Kirche, kamen an alten Holzhäusern mit aufwendig geschnitzten Fensterumrahmungen vorbei, suchten eine weitere Kirche, die sich allerdings nach längerem Suchen als neues, uninteressantes Bauwerk herausstellte und fuhren dann mit der Straßenbahn zum Ufer des Ob. Ein Straßenbahnfahrschein kostet 6 Rubel, das sind ca. 15 cent. Die Fahrzeuge und Schienen sind in einem Zustand, den sich ein Mitteleuropäer gar nicht vorstellen kann, wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen hat.
Larissa versuchte, Tickets für eine Schifffahrt am Ob für 13.30 Uhr zu bekommen, doch leider waren die Fahrkarten für dieses Schiff schon ausverkauft und wir mussten das nächste um 15.00 Uhr nehmen. In der Zwischenzeit kauften wir uns was zum Trinken und ein sehr gutes sibirisches Eis.
Die WC's in diesem Lokal waren eine besondere Konstruktion, wie sie hier früher sicher überall üblich war. Nach dem Öffnen einer Holztür, die nach oben offen ist, gelangt man über zwei Stufen zu einem Loch im Boden (ähnlich wie ehemals in südlichen Ländern, aber erhöht durch Stufen!). Den Kopf der Person, die das Klo gerade benützt, kann man daher von außen sehen.
Die Schifffahrt dauerte 1 Stunde 15 Minuten, wir fuhren stromaufwärts vorbei an einigen Badestränden bis zu einer Brücke über den Ob, wo sich eine weitere Schiffsanlegestelle befindet, und dann wieder zurück zur Ausgangsstelle.
Das Wetter war sommerlich heiß und daher nutzten viele Familien mit Kindern den Sonntag, um einen Ausflug mit dem Schiff zu machen. Besonders kleine Mädchen werden sehr "fein herausgeputzt" mit Rüschenkleidern und Maschen im Haar. Auffällig für uns war auch, dass Kinder durchwegs sehr wohlerzogen sind und weder durch Lärmen noch durch Lästigsein auf sich aufmerksam machen. Die Mentalität der Russen unterscheidet sich meiner Meinung nach nicht von der unsrigen, es gibt keine Drängereien, Schreiereien, etc.
Anschließend fuhren wir mit der U-Bahn ins Zentrum, besuchten einen Markt, wo man alles für das tägliche Leben (auch am Sonntag Nachmittag!) bekommt und kamen an einer orthodoxen Kirche vorbei, wo eine Messe mit wunderschönen Gesängen gefeiert wurde.
Am Weg zurück ins Hotel waren wir schon todmüde, da die Entfernungen nicht gerade gering sind.
Zum Abendessen gingen wir in ein russisches Lokal mit ausgezeichnetem Essen. Wir aßen russische Vorspeisen vom Buffet (Salate, Gemüse, Fisch, auf verschiedenste Art zubereitet), Pepi weiters Blini (dünne Palatschinken mit Fleischfülle) und eine Torte mit Biskuit, Rahm-Topfen-Fülle, Schokosauce, dicker Kondensmilch, .... Ich aß Pelmeni mit Pilzen und Rahm überbacken. Alles schmeckte wirklich köstlich und wir zahlten zusammen mit vier Getränken ca. EUR 15,--. Am Weg zum Hotel kauften wir noch in einem Supermarkt, der 24 Stunden geöffnet ist, Mineralwasser ein. Das Warenangebot war überwältigend und auch die Präsentation der Produkte ist auf höchstem europäischem Niveau. Aus Österreich gibt es hier sogar Gösser Bier und Darbo Honig in verschiedenen Sorten!
Die Preise der meisten Lebensmittel sind natürlich niedriger als bei uns, aber ein Großteil der Bevölkerung kann sich das alles sicherlich nicht leisten.

2. August 2004
17.45 Uhr, im Hotel "Sibir"

Am heutigen Tag nützten wir die Gelegenheit, den Alltag in Novosibirsk kennen zu lernen. Nach dem Frühstück fuhr Pepi in einen anderen Stadtteil, um Straßenbahnen zu fotografieren. Ich ging mit Ulli und Astrid in eine Geschäftsstraße, um einen kleinen Einblick in die "sibirische Mode" zu bekommen. Viele Geschäfte sind von außen nicht als solche zu erkennen. Sehr oft gibt es keinerlei Aufschriften oder Schilder, an denen man erkennen kann, um welche Art von Geschäft es sich handelt. Bei dieser Gelegenheit kaufte ich mir eine sehr praktische Handtasche mit vielen Fächern um 780,-- Rubel (= ca. EUR 23,--).
Das Angebot an Bekleidung (eher nicht unser Standard, mit Ausnahme der Designer-Läden), Schuhen (westliches Angebot), Kosmetika ist sehr gut, die Preise liegen vielleicht um ein Drittel unter den unsrigen.
Eine sehr nette Verkäuferin in der Max-Mara-Boutique erzählte uns, dass ihre Kundinnen zum größten Teil russische Frauen seien und keineswegs Touristen. Sie wünschte uns eine schöne Reise und meinte, wie zuvor auch schon manch andere Person, wir würden an den Baikalsee sicher wieder kommen, da es dort so schön sei.
Um 13.30 Uhr trafen wir uns wieder alle sieben. Einige unserer Gruppe hatten die Absicht, an den Ob baden zu gehen (es hat 27 Grad im Schatten!), Pepi und ich fuhren mit der U-Bahn bis zur Endstation und dann noch weiter mit der Straßenbahn durch Wohngebiete mit "Plattenbauten". Der Zustand der Straßenbahnwagen ist hier besonders arg (kaputte Fenster, anstatt eines Fensters eine Spanplatte eingesetzt, kaputte Sitze,..). Die Wohnverhältnisse eines Großteils der Bewohner sind sicherlich äußerst trist.
Der Zustand der Wege und Straßen ist unbeschreiblich (Löcher, staubig, Unkraut). Trotz alldem ist ein Großteil der Menschen nett und sauber gekleidet und die Frauen haben auffallend nette Frisuren (natürlich sehr oft blond gefärbt).
Ein Liter Diesel kostet 10,50 Rubel, das sind ca. 30 cent, Benzin kostet 12 bis 13 Rubel.
Überall, wo mehr Leute vorbei kommen, zB bei Straßenbahnhaltestellen, sitzen alte Frauen und bieten Gemüse an, oft nur ein paar Paradeiser oder Erdäpfel.
Bei der Endstation der U-Bahn befindet sich wieder ein riesiges Marktgebiet, wo es alles zu kaufen gibt: Obst, Blumen, Kosmetikwaren, Schuhe, Kleider, Herrenanzüge und sogar Pelzmäntel.
Auch junge Hunde verschiedener Rassen und kleine Katzen werden zwischen den Straßenbahngleisen der Endschleife angeboten. Die kleinen Tiere krabbeln in offenen Kartons herum oder schlafen in der brütenden Hitze.

Wir können das Hotelzimmer noch bis 23.00 Uhr benützen, da wir um 0.20 Uhr von hier zum Bahnhof gebracht werden.
Für 19.30 Uhr sind wir den anderen der Gruppe zum Abendessen in einem Restaurant verabredet. Danach haben wir noch vor, uns für das morgige Frühstück im Zug in einem Supermarkt einzudecken.
Die zweimaligen "Abendessen" im Zug, wo alle ihre Köstlichkeiten "aufgetischt" haben, waren recht nett. Diese Mahlzeiten bestanden aus Schnaps von Mato aus Vorarlberg, Wodka aus Russland, Tiroler Schinkenspeck, Salami, Brot, Käse, Extrawurst, Obst, Keks, etc. Für morgen ist also auch ein derartiges Frühstück geplant.
 

4. August 2004
9.05 Uhr, im Hotel "Kranojarsk" in Krasnojarsk

Ich habe jetzt nach dem Frühstück noch ein bisschen  Zeit zu schreiben, da wir erst um 9.30 Uhr einen Bus nehmen, um zum Nationalpark Stolby zu fahren, der etwas außerhalb der Stadt Krasnojarsk liegt.
Aber zuerst zum vergangenen Tag:
Am Dienstag, 3. August um 0.20 Uhr holte uns ein Bus vom Hotel "Sibir" ab und brachte uns zum Bahnhof in Novosibirsk. Wir mussten unser Gepäck Stufen hinauf und hinunter schleppen, um den Bahnsteig 4 zu erreichen. Pünktlich um 1.02 Uhr fuhr der Zug 10 dann los in Richtung Krasnojarsk.
Nachdem wir unser Schlafwagenabteil wieder für die Nacht hergerichtet hatten (diesmal war es schon Routine), begann eine weitere Nacht im Zug. Ich konnte sogar besser schlafen als in den ersten Nächten, da der Waggon etwas ruhiger und leiser fuhr.
Es begann in der Nacht zu regnen und auch zu Mittag gegen 14.00 Uhr, als wir Krasnojarsk erreichten, war es noch regnerisch. Nach dem Aussteigen begann wieder das große Kofferschleppen: Stufen hinauf - Stufen hinunter. Rolltreppen gibt es hier keine.
Der erste Eindruck von der Stadt war "echt sibirisch": auf dem Bahnhofsvorplatz werden Grabungen oder Straßenbauten durchgeführt (später stellte sich heraus, dass eine U-Bahn gebaut wird), sodass man durch Lacken und Dreck durch muss. Ein Busfahrer erwartete uns wieder und brachte uns ins Hotel "Krasnojarsk", das schon ein paar Jahre mehr als das Hotel "Sibir" auf dem Buckel hat.
Hier ist auch noch alte sowjetische Tradition augenscheinlich: In jedem Stockwerk sitzt eine Dame, die für die Verwaltung der Zimmerschlüssel zuständig ist und alles im Auge hat, was so passiert.
Nach einer kurzen Zeit der Regeneration bzw. zum Duschen trafen wir uns wieder und gingen gemeinsam zur kleinen Kapelle, die auf dem 10-Rubel-Schein abgebildet ist. Sie befindet sich auf einem Hügel, von dem man auf die Stadt sieht. Leider hatten wir keinen schönen Ausblick, da es nebelig war bzw. Smog über dem ganzen Tal lag.
Am Weg dorthin mussten wir mehrmals verkehrsreiche Straßen überqueren bzw. entlang gehen. Das ist oft sehr mühsam, da es hier in der Vorstadt keine Gehsteige oder Fussgängerübergänge gibt und die Autofahrer fast durchwegs sehr rücksichtslos fahren. Gelegentlich gibt es zwar einen Zebrastreifen, aber dieser ist lediglich als Zierde gedacht. Auf Fussgänger, die sich am Zebrastreifen befinden, wird nirgends Rücksicht genommen.
Anschließend führte uns der Weg ins Stadtzentrum, zur Hauptstraße, dem Prospekt Myra. Das Abendessen in einem Lokal, das uns vom Hotel empfohlen wurde, erwies sich leider als Reinfall, da es sog. "internationale Küche" mit sehr hohen Preisen und nur ganz wenige russische Gerichte gab. Also begnügten wir uns wieder mit Borschtsch und Blinis mit Kaviar. Dies schmeckte allerdings sehr gut.
Für ein Viertel georgischen Rotwein (ob es ein Viertel war, ist fraglich) verlangten sie 243 Rubel, das sind ca. EUR 7,50.
Nach diesem Abend fielen wir bald todmüde ins Bett.

8. August 2004
16.00 Uhr, in Listvjanka am Baikalsee

Ich komme leider erst jetzt wieder dazu, unsere Erlebnisse nieder zu schreiben, da wir ständig unterwegs sind.
Soeben kamen wir vom Besuch des Freilichtmuseums Talci zurück, das ca. 20 km von Listvjanka entfernt ist. Obwohl es in der Früh regnete und stürmte, machten wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle. Da es keine fixen Abfahrtszeiten gibt, sondern nur ungefähre Richtzeiten (rund um 11.00 Uhr) mussten wir auf den Bus mindestens 20 Minuten warten. Endlich kam ein bereits voll besetzter, uralter Autobus daher, aber wir fanden noch Stehplätze. Einen derartigen Bus könnte man sich in Österreich niemals vorstellen: mindestens 20 Sprünge auf der Windschutzscheibe, kaputte Sitze, kaputte Tür, ... Pepi meinte, dass diese Art von Bussen bereits vor 20 Jahren in Ungarn ausgemustert wurden und hier seitdem weiter im Einsatz sind. Der Fahrer fuhr bergab jeweils im Leerlauf und bergauf ging es mit 10 kmh.
Alle Wartenden bei den einzelnen Stationen hatten Pech: da der Bus bereits voll besetzt war, blieb der Chauffeur gar nicht stehen. Als bei einer Station jemand aussteigen wollte, blieb er erst ca. 50 m nach den Wartenden stehen, sodass diese nicht so schnell laufen konnten, um ev. noch in den Bus einsteigen zu können. So eine Fahrt mit einem öffentlichen Bus ist auf jeden Fall ein Abenteuer!
Das Wetter war anfangs sehr feucht und windig (ich schätze ca. 12 Grad), aber wir hatten mit mehreren Schichten Kleidung übereinander gut vorgesorgt.
Im Freilichtmuseum sieht man alte Bauernhäuser aus den verschiedensten Teilen Russlands, eine kleine Kirche, eine Mühle, eine Schule, eine Jurte der Burjaten, usw. Die Anlage ist sehr schön gestaltet und wirklich sehenswert.
Zum Abschluss gingen wir noch ins einzige Gasthaus, um uns mit Tee und Blinis aufzuwärmen. Das Gasthaus war zwar geschlossen, aber ein Mann vermittelte, dass es für uns geöffnet wurde. Binnen kurzer Zeit war das Lokal voll besetzt und man machte das Geschäft des Tages. Es wäre bei uns undenkbar, ein Gasthaus in einem Freilichtmuseum am Sonntag um 14.00 Uhr zu schließen!
Wir erleben also immer solche Begebenheiten, die in Russland eben anders sind als in Mittel- oder Westeuropa!
Ab 15.00 Uhr standen wir wieder auf der Hauptstraße, um einen Bus für die Rückfahrt zu ergattern. Es gibt keinen offiziellen Fahrplan. Nach etwa 25 Minuten hatten wir Glück - ein Autobus von etwas besserer Qualität brachte uns nach Listvjanka zurück. Allerdings bestand im hinteren Teil des Busses die Gefahr, an einer Abgasvergiftung zu erkranken, da ein undichtes, ca. 12 cm dickes Rohr vom Boden bis zur Decke des Busses angebracht war. Wir sind aber wohlbehalten in unserem Quartier gelandet und nützen jetzt die Zeit bis 18.00 Uhr (Treffen zum Abendessen), um endlich Ansichtskarten zu schreiben. Ansichtskarten sind Mangelware, wir haben heute im Museum erstmals welche entdeckt.

Nun aber noch zu den vergangenen Tagen:
Am Donnerstag, 5. August, nach dem Frühstück nützten wir die Zeit bis zur Abreise um 11.30 Uhr vom Hotel "Krasnojarsk" nochmals zu einem Stadtspaziergang. Wir fanden zwei orthodoxe Kirchen, in denen jeweils Gottesdienst gefeiert wurde. Auch hier war es wieder sehr beeindruckend, den Gesängen zuzuhören. In einer der beiden Kirchen dirigierte und sang mit einer sehr schönen, kräftigen Stimme der Pfarrer mit den Gläubigen.
Vor den Kirchen findet man sehr oft bettelnde Frauen, aber selbst Russen geben immer eine Spende. Auffallend war die Hilfsbereitschaft auch in der U-Bahn in Novosibirsk, als ein junger Mann mit nur einem Bein einstieg. Fast alle Leute gaben ihm ein paar Münzen oder einen 5-Rubel-Schein. Es bewahrheitet sich ja doch immer wieder, dass arme Leute eher von ebenfalls armen etwas bekommen als von reichen.
Um 11.30 Uhr holte uns schließlich ein Kleinbus vom Hotel ab und brachte uns zum Bahnhof, um die letzte Etappe der Zugsreise anzutreten. Nachdem wir den Bahnhofsvorplatz (Baustelle, diesmal aber ohne Regen!) überwunden  hatten, galt es wieder Stufen hinauf und hinunter zu steigen, um den Bahnsteig zu erreichen. Unser Zug hatte ca. 30 Minuten Verspätung und daher war es bis zuletzt nicht klar, welche abwärts führenden Stufen wir nehmen sollten. Nachdem einige aus der Gruppe behaupteten, Bahnsteig 2 sei angeschrieben, setzten wir uns mit dem Gepäck in Bewegung. Endlich dort angekommen, befürchteten wir falsch zu sein, da ein chinesischer Zug nach Peking auf diesem Gleis stand. Die Chinesen vertreiben sich anscheinend die lange Zugsfahrt mit Essen und Trinken, da alle Tische vor den Abteilfenstern über und über mit essbaren Dingen voll geräumt waren.
Diesmal hatten wir aber Glück: bedingt durch die Verspätung unseres Zuges fuhren wir dann doch von diesem Bahnsteig ab. Der Zug Nr. 8 fährt die Strecke Novosibirsk - Wladiwostok. Die Bahnfahrt insgesamt kann man nicht als allzu große Strapaze bezeichnen, das Kofferschleppen aber sehr wohl.
Pepi und ich bekamen einen Platz in einem Abteil zugewiesen, in dem bereits eine Frau und ein 11-jähriges Mädchen saßen bzw. schliefen. Die beiden waren sehr nett, die Frau konnte aus ihrer Schulzeit noch ein paar Wörter Deutsch sprechen. Die Frau kam von einem Kuraufenthalt im Altai-Gebirge und fuhr nach Hause nach Cita, das Mädchen, ihre Enkelin, nach Krasnokamensk, das ist ganz nahe der mongolisch-chinesischen Grenze gelegen. Vom Aussehen und von der Art her hätte das Mädchen genau so gut aus Ottakring sein können. Die Frau schenkte uns Paradeiser aus dem Altai, die dort angeblich besonders gut wachsen. Somit hatten wir eine Bereicherung für unser traditionelles Abendessen im Zug. Auch Melonen gedeihen dort. Man gießt dort die Pflanzen nur beim Einsetzen und dann ist es angeblich wegen des günstigen Klimas nie mehr notwendig, sie zu gießen. Diese Informationen haben wir natürlich dank der Übersetzung von Larissa erfahren.
Die Nacht im Zug war ganz angenehm. Wir fuhren insgesamt 19 Stunden und erreichten Irkutsk um 7.30 Uhr in der Früh. Bereits am Bahnsteig wurden wir erwartet von einem Mann und einer Frau, die ein Namensschild "Larissa Kasic" in die Höhe hielten.
Nun war die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn über insgesamt 5200 km zu Ende. Alle hatten wir die Fahrt gut überstanden und waren nun neugierig auf den Baikalsee.

Es ist jetzt 22.25 Uhr, wir kamen soeben vom Abendessen in einem Lokal mit Blick auf den Baikal zurück. Im Russischen wird das Wort "See" an Baikal nicht angehängt, sondern man spricht nur vom "Baikal", wobei die Betonung auf der letzten Silbe liegt.
Das Essen war ausgezeichnet, besonders mein Fischgericht (Sic aus dem Baikal mit Zwiebel und Käse überbacken in Folie). Zu zweit zahlten wir 520 Rubel (= ca. EUR 15,--) für einen Salat als Vorspeise, zwei Hauptgerichte, eine Nachspeise, drei Getränke. Am Rückweg entlang des Seeufers wurde es schon dunkel und die Temperatur war relativ frisch, aber sehr angenehm. Bis zu unserem Quartier ist es ungefähr 20 Minuten zu Fuss - traumhaft schön entlang des Sees bei einem Sternenhimmel mit Milchstraße usw.
Mit uns beim Essen war Marina, eine Universitätsprofessorin für Geschichte aus Irkutsk, die im gleichen Quartier wie Martina und Larissa wohnt. Sie spricht auch Deutsch und ist eine sehr nette Russin.

Nun aber wieder zurück zur Ankunft in Irkutsk:
Die Fahrt mit einem Kleinbus vom Bahnhof bis Listvjanka dauerte ca. 1,5 Stunden (70 km). Im Bus begleitete uns Irina, die ebenfalls an der Uni in Irkutsk unterrichtet, u. zw. Kinderliteratur. Sie wies uns auch die Unterkünfte zu, u. zw. in drei verschiedenen Häusern, die angeblich in den 60er-Jahren gebaut wurden für Wissenschaftler bzw. Angestellte der Baikal-Forschung. Die Häuser bzw. Wohnungen sind in einem Zustand, wie wir es von Europa nicht kennen. Es gibt zB keine Leitungen für Strom oder Wasserrohre, die nicht außerhalb des Verputzes liegen. Alles sieht irgendwie provisorisch aus, nicht so, als hätten Fachleute gearbeitet. Die Wände sind nicht eben verputzt, die Türen nicht ohne Spalten oder Risse eingemauert, die Fussböden sind nicht zusammenhängend verlegt usw.
Unsere Wohnung gehört einer Frau, die aber momentan auf Urlaub ist und daher hat ihre Tochter, eine junge Frau mit ca. 25 bis 30 Jahren die Aufgabe, uns sozusagen zu beherbergen. Sie spricht ganz gut Englisch, aber wir haben nur selten Kontakt mit ihr. Sie richtet uns das Frühstück her (Nescafé, Tee, Brot, Butter, Marmelade - aus welchen Früchten sie besteht, ist nicht zu erkennen, heute Sonntag auch Kuchen und Käse) und ist nur ab und zu zu sehen. Mato wohnt ebenfalls mit uns in einem Zimmer dieser Wohnung.

10. August 2004
15.15 Uhr in Listvjanka

Heute ist der letzte Tag, den wir am Baikal verbringen. Gleich nach dem Frühstück besuchten wir beide das Baikal-Museum hier in Listvjanka, das nur ca. drei Minuten von unserem Haus entfernt ist. Man sieht Exponate über Flora und Fauna sowie über die Erforschung des Baikals. In Aquarien sind diverse Fischarten zu sehen, die hier endemisch sind, dh diese Arten leben nur im Baikal. Besonders herzig sind zwei Baikalrobben, die ebenfalls zu sehen sind.
Anschließend saßen wir kurz am Seeufer und um 13.00 Uhr trafen wir uns mit Pavel, dem 16-jährigen Sohn Irinas, der mit uns zu einem wunderschönen Aussichtsplatz auf die Angara-Mündung wanderte. Die Angara ist der einzige Abfluss des Baikals, Zuflüsse gibt es 336. Der Weg führte ziemlich steil bergauf durch den Wald und die Aussicht war herrlich. Heute ist auch wieder wunderschönes Wetter, nicht heiß, aber sonnig und tiefblauer Himmel.
Die fünf anderen unserer Gruppe haben jetzt vor, sich ans Ufer des Sees zu legen (an ein Baden ist bei der Wassertemperatur von 12 bis 13 Grad nicht zu denken), wir wollen in das ca. 4 km entfernte Dorf marschieren und ab 19 Uhr treffen wir uns zum gemeinsamen Abendessen. Wir haben bereits gestern den schönsten Tisch des Lokals mit Blick auf den See reserviert.

Nun noch ein Rückblick auf den ersten Nachmittag am Baikal:
Wir spazierten entlang des Sees und dann in eines der Seitentäler von Listvjanka, bis wir zu einer Galerie kamen. Die ausgestellten Exponate waren nicht besonders interessant, aber dafür der Garten bzw. die Nebengebäude. Im Gemüsegarten hat das Unkraut auf alle Fälle auch seine Berechtigung. Trotzdem gedeihen Erdäpfel, Gurken, Zucchini, Salat und Kraut - oft nur durch eine andere Farbe vom Unkraut zu unterscheiden.
Entlang der Straße befinden sich immer wieder Brunnen, bei denen die Leute Wasser holen. Eine Wasserleitung gibt es in dieser Siedlung jedenfalls nicht. Auffallend ist, dass alte, nicht mehr benützte Schuppen oder Nebengebäude nicht so wie bei abgerissen werden. Obwohl schon neue Häuser oder Nebengebäude gebaut werden, bleiben die alten, halb verfallenen Ruinen noch stehen.
Die Häuser sind durchwegs aus Holz gebaut. Die Fenster der älteren Häuser sind fast durchwegs mit Holzschnitzereien verziert. Diese Umrahmungen sind entweder weiß, grün oder blau gestrichen. Die neuen Häuser werden ebenfalls aus Holz gebaut, aber darüber wird noch eine Schicht Ziegel gemauert.
Am Ufer des Sees werden einige besonders auffällig große Häuser von neureichen Russen gebaut, die überhaupt nicht ins Ortsbild passen und sehr protzig wirken. Manche haben Türme und Erker, einer baute sich sogar eine eigene kleine Kapelle am Hang oberhalb des Hauses. Das passt so überhaupt nicht zum sonstigen, eher ärmlichen Holzbaustil.
Ein kleiner Hafen bildet das Zentrum des Ortes. An Dutzenden von Marktständen werden Souvenirs und geräucherter Omul (ein Fisch, den es nur im Baikal gibt) angeboten. Die Rauchschwaden und der Duft sind schon lang im vorhinein zu sehen bzw. zu riechen.
Am Abend des ersten Tages am Baikal trafen wir uns alle in unserer Wohnung. Irina kochte "Piraschki" (Piroggen gefüllt mit Fleisch oder Pilzen), eine weitere Speise, deren Name ich mir nicht gemerkt habe (Germteig belegt mit Fisch, Reis, etc.) und Heidelbeerkuchen. Es schmeckte alles sehr gut. Dazu trinkt man natürlich "russischen Tee". Dafür wird stärkerer Tee-Aufguss zubereitet, der dann nur mit heißem Wasser (aus dem "Tefal-Samovar") verdünnt wird.

Am nächsten Tag (Samstag) ging das Programm erst gegen Mittag los. Irina hatte ein Schiff bestellt für unsere Gruppe, das uns zu einer ca. 90 km entfernten Sandbucht brachte. Dieses Schiff wird für irgendwelche Kontrollen am See verwendet, kann aber auch für Ausflüge mitverwendet werden. Die Fahrt bis zur Sandbucht dauerte ca. 4,5 Stunden und war wunderschön bei herrlichem Wetter.
Irina kochte für uns: zuerst eine Jause mit Wurst, Käse, Brot und natürlich Tee, bei der Rückfahrt am Abend zuerst Fischsuppe und noch kurz vor der Ankunft noch gebratenen Fisch mit einer herrlichen Kruste (Charius, ebenfalls ein endemischer Fisch).
In der Sandbucht gibt es kleine, primitive Ferienhäuser, die von russischen Familien bewohnt werden. Die Infrastruktur ist allerdings sehr bescheiden.
Pavel zeigte uns den Weg in eine zweite Bucht, die landschaftlich besonders reizvoll ist. Auffallend sind die vielen bunten Steine, die man hier am Ufer findet. Einige besonders Mutige unserer Gruppe badeten kurz im See, mir reichte es, nur mit den Füßen im Wasser zu gehen. Die Wassertemperatur hat auch hier in der Bucht sicherlich keine 15 Grad. Astrid, die geschwommen ist, hatte am nächsten Tag Halsweh und auch Larissa war ein wenig verkühlt. Das Wasser ist allerdings ganz klar und hat Trinkwasserqualität. Dazu wird es aus einer Tiefe von 500 m aus dem See gepumpt und in Flaschen als "Baikal voda" abgefüllt.
Am Weg zu dieser Bucht sahen wir auch einige endemische Pflanzen sowie ein Streifenhörnchen. In den Wäldern wachsen natürlich Birken, Lärchen, sibirische Kiefern (diese haben 5 Nadeln von einer Stelle ausgehend, unsere heimischen Kiefern nur zwei) und diverse Laubbäume.
Um 19.00 Uhr war Abfahrt mit dem Schiff und um 23.30 Uhr waren wir zurück in Listvjanka. Bei diesem Ausflug, der nicht gerade kurz war, sahen wir allerdings nur ein kleines Stück dieses riesigen Sees, dessen Länge ungefähr die Ausdehnung Österreichs hat.  Man konnte aber einen sehr guten Eindruck gewinnen von der Weite und Mächtigkeit. Wenn man sich am See befindet, hat man das Gefühl, auf dem offenen Meer zu sein, nur der Geruch von Salzwasser fehlt. Wenn man bedenkt, dass dieser See über 20 % aller Süßwasserreserven der Erde verfügt, kann man sich die Größe vielleicht ungefähr vorstellen.
 

11. August 2004
11.55 Uhr, im Flugzeug von Irkutsk nach Moskau

Es ist jetzt 11.55 Uhr nach der Irkutsker Zeit und wir befinden uns seit 8.00 Uhr auf dem Flug nach Moskau. Die Flugzeit wird 5 Stunden 40 Minuten betragen.
Bereits um 4.30 Uhr läutete der Wecker nach einer für mich kurzen Nacht fast ohne Schlaf. Pünktlich um 5.30 Uhr holte uns ein Kleinbus ab und brachte uns zum Flughafen in Irkutsk.
Irina verabschiedete sich von uns in Listvjanka im Morgengrauen, sie hatte für jeden von uns ein persönliches Geschenk besorgt. Pepi bekam eine Landkarte der Baikalbahn und ich einen Porzellan-Kerzenständer mit blauer Malerei (ähnlich dem Zwiebelmuster, aber mit Baikal-Motiv). Wir waren alle sehr überrascht und hatten fast Schuldgefühle, da wir doch als Gastgeschenke auch nur Kleinigkeiten mitgebracht hatten (Kaffee, Österreich-Kalender für 2005, Süßigkeiten). Es bewahrheitete sich also wiederum, dass ärmere Leute eher etwas geben als solche, die ohnehin übersättigt sind.
Am Flughafen angekommen, gingen wir zunächst in ein falsches Gebäude. Wir nahmen kurz mit Schrecken zur Kenntnis, dass ein Flug nach Moskau nicht auf der Anzeigetafel aufscheint, aber Larissa brachte sogleich in Erfahrung, dass wir in einem anderen Gebäude, nämlich "International Airport", einchecken müssten. Wir befinden uns zwar zusammen mit vielen Russen auf einem Inlandsflug nach Moskau, aber wer weiß ......
Gestern Abend waren wir, wie schon erwähnt, in unserem "Stammlokal" am Baikalsee. Mit uns war auch Marina, wie auch schon am ersten Abend, die immer wieder betonte, wie sehr sie sich freue, uns kennen gelernt zu haben. Sie hat eine 10-jährige Tochter, die während der Sommerferien bei ihren Eltern im Norden des Baikalsees wohnt. Damit Marina nebenbei etwas verdient, verkauft sie in Listvjanka vor dem Museum teilweise selbst hergestellte Souvenirs. Ich kaufte mir bei ihr einen Anhänger aus Holz, der zwei Omule darstellt. Eine Uni-Professorin, die auf einen Nebenverdienst angewiesen ist - bei uns unvorstellbar!

Nun noch ein Nachtrag zum vorgestrigen Tag:
Wir hatten vor, um 9.30 Uhr mit dem Bus nach Irkutsk zu fahren. Allerdings verzögerte sich die Abfahrt, da der erwartete Bus erst ca. 45 Minuten später auftauchte. Zeit spielt keine Rolle!
In Irkutsk am Busbahnhof angekommen, machten wir uns gleich auf den Weg zum Dekabristen-Museum. Dieses ist ein ehemaliges Wohnhaus einer Dekabristen-Familie. Die Dekabristen wurden nach dem Dezemberaufstand vom damaligen Zaren aus Sankt Petersburg vertrieben und siedelten sich hier in der Gegend an. Sie waren gebildete Leute (auch Musiker oder Komponisten zB) und brachten den armen Bewohnern Sibiriens viele Neuerungen sowie kulturelle Einflüsse.
Übrigens, das Klo dieses Museums befindet sich in einem teils verwilderten Teil des Innenhofes und ist natürlich ein "Plumpsklo".
Nach dem Besuch des Museums fuhren wir mit einem Bus der Linie 20, ein Kleinbus mit ca. 10 Sitzplätzen, zum Kirov-Platz. Dort befindet sich das Denkmal des "ewigen Feuers, an an den Zweiten Weltkrieg erinnert, und zwei Kirchen, die Erlöserkirche und die Gottes-Erscheinungs-Kirche.
Von dort marschierten wir etwas außerhalb des Zentrums durch ziemlich verwahrloste und heruntergekommene Straßen. Auf dem Weg gab es endlich auch ein Postamt, wo man Briefmarken kaufen konnte. Wenn uns Irina nicht begleitet hätte, hätten wir sicherlich bis heute keine Marke aufgetrieben!
In einer dieser Straßen kamen wir plötzlich zu einem Lokal mit der Aufschrift "Wiener Café". Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Unser Erstaunen war umso größer, als wir feststellten, dass hier Meinl Kaffee verkauft wird. Der Capuccino, den wir beide tranken, war auch wirklich von Wiener Qualität. Überall an den Wänden hängen Bilder mit Wiener Sehenswürdigkeiten. Auch das Angebot an Mehlspeisen war fast mit einer Wiener Konditorei vergleichbar.
Anschließend spazierten wir entlang der Angara weiter bis zum Denkmal von Zar Alexander III.
Pepi und ich trennten uns danach von der übrigen Gruppe und besichtigten die auf einer Insel in der Angara fahrende Pionier-Eisenbahn. Auf dieser Insel gibt es verschiedene Freizeiteinrichtungen und eben auch diese Bahn, die hauptsächlich für Ausflüge mit Kindern benützt wird. Das gesamte Bahngelände einschließlich des neu erbauten Bahnhofs und der Fahrzeuge ist in einem wirklich guten Zustand.
Unser anschließender Weg führte uns durch die Karl-Marx-Straße in die Innenstadt mit der einzigen Fußgängerzone Sibiriens. In dieser Straße gibt es großteils sehr gut erhaltene Gebäude, wie die Universität, die Verwaltung der Transsibirischen Eisenbahn und das neu renovierte Theater. Die Geschäfte in der Fußgängerzone entsprechen teilweise nicht ganz unserem Standard. In einem Innenhof, von der Straße aus zu sehen, hängen zB neben anderen Textilien, auch weiße Brautkleider zum Verkauf bereit.
Auffällig war, dass hier viele VerkäuferInnen Burjaten sind, ein Volksstamm mit mongolischem Einschlag. Burjatien mit der Hauptstadt Ulan Ude ist nur ca. 400 km von Irkutsk entfernt.
In der Folge kamen noch einige Kaufhäuser - alles doch insgesamt etwas einfacher als in Novosibirsk oder Krasnojarsk. Höhepunkt allerdings war das Treiben am Markt von Irkutsk bzw. der Straßenzustand rundherum. Nachdem es am Vortag geregnet hatte, gab es riesengroße Wasserlacken mit teilweise durch Bretter geschaffenen Übergängen für die Menschen. Autos parken am Straßenrand in "riesigen Seen" - ein Bild für Götter! Der übrige Straßenzustand und der Zustand der Straßenbahngleise vervollständigen dieses Bild noch.
Das Angebot an Obst und Gemüse ist allerdings enorm - so viele Heidelbeeren wie hier sah ich noch nirgends auf einem Fleck. Auch in der neu erbauten Markthalle gab es alles zu kaufen, was das Herz begehrt. Man sieht natürlich schon viele arme bzw. ärmliche Menschen, aber an Lebensmitteln und Dingen für den täglichen Bedarf mangelt es sicher nicht.
Um 18.20 Uhr war Treffpunkt am Busbahnhof für die Rückfahrt nach Listvjanka. Wieder half uns Irina, einen Bus zu ergattern, aber wir mussten einige Geduld aufbringen. Für den Linienbus, der um 19.00 Uhr abfuhr, gab es keine Karten mehr uns so mussten wir erst einen Kleinbus finden, der Platz für uns hatte. Um ca. 19.30 Uhr war es dann so weit - wir hatten Glück, in zwei Bussen insgesamt sieben Plätze zu bekommen. Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung, eine Autobusfahrt zu unternehmen! In unserem Bus transportierte eine Frau Marillen, die aus einem Plastiksack herauskollerten, eine offene Bierflasche fiel um (natürlich mit Inhalt), die außer uns anwesenden Russen sangen zur Musik aus der Kassette mit, kurz - ein Erlebnis.
Der Bus hielt direkt vor dem Lokal am Baikalsee, wo wir Abendessen gingen. Der Rückweg zu unseren Quartieren entlang des Sees war wie immer sehr angenehm, besonders hatte man dabei die Gelegenheit, den wunderschönen Sternenhimmel zu betrachten.
 

12. August 2004
10.20 Uhr Moskauer Zeit, im Flugzeug von Moskau nach Wien

Der Flug von Irkutsk nach Moskau gestern, Mittwoch, war recht angenehm. Wir kamen um etwa 9.00 Uhr Moskauer Zeit an, nachdem wir die Uhren um 5 Stunden zurückgestellt hatten. Der gestrige Tag dauerte somit für uns 29 Stunden.
So wie bei allen anderen Ankünften auf Bahnhöfen oder Flughäfen war wieder ein Bus pünktlich zur Stelle, der uns ins Hotel "Ismailovo" brachte. Wir hatten unsere Zimmer im 28. Stock (= letztes Stockwerk). Die Ausstattung der Hotelzimmer ist nicht gerade auf dem neuesten Stand. Das Hotel ist angeblich ca. 25 Jahre alt, es wurde wie auch einige andere gleichartige Hotels in der Nähe im Jahr 1980 anlässlich der Olympischen Spiele in Moskau errichtet.
Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es gleich los, wir fuhren mit der Metro ins Zentrum. Da wir nur einen halben Tag zur Verfügung hatten, beschlossen wir, uns auf das Wesentliche zu beschränken, nämlich die Gegend um den Roten Platz und den Kreml.
Schon der Eingang zum Roten Platz ist sehr imposant und es war ein herrliches Gefühl, einmal dort zu gehen, was man bisher nur vom Fernsehen kannte.
Der erste Weg führte uns ins Kaufhaus GUM, wo wir eine Kleinigkeit zu Mittag aßen. Anschließend zeigte uns Larissa die Kassen vor dem Eingang zum Kreml. Nur Astrid, Pepi und ich stellten uns in der Schlange um Karten an, da die anderen vier der Gruppe bereits den Kreml kannten. Anfänglich fürchteten wir, stundenlang warten zu müssen, doch wider Erwarten dauerte es dann nur ca. eine halbe Stunde, bis wir auch die zweite Schlange vor dem Eingang passiert hatten. Während des Stehens in der Schlange tauchten immer wieder Leute auf, die Führungen in englischer oder deutscher Sprache anbieten. Sie rechnen mit der Ungeduld der Wartenden und verlangen daher Phantasiepreise: 1000 bis 1500 Rubel pro Führung + 100 Rubel "Führungssteuer". Dazu kommt dann noch die Eintrittskarte um 300 Rubel. Also insgesamt könnte so ein Kremlbesuch zu einem teuren Vergnügen werden, vor allem dann, wenn sich nur wenige Personen entschließen, einen Führer zu engagieren.
Also, wie gesagt, wir hatten Glück nicht lange warten zu müssen. Gleich beim Eingang in den Kreml ist man überwältigt. Selbst dort gewesen zu sein, ist natürlich nicht zu vergleichen mit den Fotos, die ich bisher schon gesehen hatte.
Großes Glück hatten wir mit dem Wetter - die Sonne schien, der Himmel war tiefblau, es war nicht heiß - daher glänzten die goldenen Kuppeln der Kirchen ganz besonders schön. Wir hatten zwar nicht besonders viel Zeit, uns näher mit den einzelnen Bauwerken zu beschäftigen, sondern wir bekamen einen ersten unvergesslichen Eindruck und der Wunsch tauchte auf, Moskau auf jeden Fall für ein paar Tage zu besuchen.
Ein kurzer Spaziergang durch die Einkaufspassagen des GUM durfte natürlich auch nicht fehlen. Es gibt Geschäfte aller teuren Modedesigner, die es auf der Welt gibt.
Ich kaufte mir, allerdings nicht in einem Designerladen, eine sehr schöne Jacke aus Wolle, die mich im Herbst beim Tragen an Moskau erinnern wird.
Um 17.30 Uhr traf sich unsere Gruppe wieder. Es kamen auch noch Olga, eine ehemalige Russischlehrerin von Larissa, und Hans, ein Hauptschullehrer aus Krumbach, zu dem Treffen. Diese beiden kennen auch Bernhard von der Reise vor drei Jahren. Wir plauderten mit den beiden auf dem Weg zu einem Lokal in der Nähe des Bolschoi-Theaters. Olga sagte zB, dass die Innenstadt von Moskau mit allem, was so dazu gehört, für die meisten Russen die Bedeutung eines Museums hat, da deren Alltagsleben nichts damit gemeinsam habe.
Die Entfernungen in der Stadt sind durchwegs sehr weit und es sind sehr viele Touristen unterwegs.
In dem Lokal aßen wir noch zum letzten Mal russische Küche. Ich bediente mich am Vorspeisenbuffet: verschiedenste Salate, Fisch, Fleisch in Aspik, etc. - ein Angebot von ca. 30 verschiedenen Speisen. Da es diese Art von Buffet in Österreich nicht gibt, nützte ich nochmals die Gelegenheit, diese Köstlichkeiten zu essen. Hier habe ich auch den besten Kvas der ganzen Reise getrunken. Übrigens dürfte Kvas eher im westlichen Russland verbreitet sein, in Krasnojarsk oder Irkutsk ist es mir nicht aufgefallen, dass Kvas getrunken wird.
Pepi ließ sich zum Abschluss der Reise eine russische Honigtorte nicht entgehen.
Die letzte Nacht im beinahe "subtropischen" Hotelzimmer war zwar relativ kurz für uns, aber dank der Müdigkeit konnten wir recht gut schlafen.
Um 6.45 Uhr holte uns ein Bus vom Hotel ab und es ging zum Flughafen. Diesmal ging es recht flott im Gegensatz zur gestrigen Fahrt vom Flughafen in die Stadt. Gestern war nämlich, bedingt durch einen Unfall, ein langer Stau auf der Autobahn, die rund um Moskau führt.
Die direkte Zufahrt zur Abflughalle war heute gesperrt, da die russische Olympia-Mannschaft erwartet wurde, die heute nach Athen fliegt. Nach mehreren Gepäck- und Passkontrollen und unfreundlichem Flughafenpersonal waren wir schließlich zum Abflug bereit. Jetzt sind wir bereits kurz vor der Landung in Wien. Der Pilot meldete soeben, dass es 24 Grad in Wien hätte - und das bereits um 10.00 Uhr vormittags.
Ich freue mich natürlich schon sehr auf das Heimkommen und Bernhard und Irene wieder zu sehen. Aber die vergangenen zwei Wochen mit den verschiedensten Eindrücken und Erlebnissen werde ich sicherlich nicht so schnell vergessen.
Sehr positiv war auch, dass sich alle aus unserer Gruppe gemeinschaftlich verhalten haben und es keine Unstimmigkeiten gab. Die gesamte Reise war von Larissa bis ins kleinste Detail sehr gut geplant und verlief daher auch sehr harmonisch.
Sibirien wird mir und sicherlich auch den anderen der Reisegruppe immer in guter Erinnerung bleiben!